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Gastbeitrag: Das Periodensystem der Chemischen Elemente mit Routen und Gedächtnispalast merken

Die ausführliche Beschreibung von Pierre haben wir auf Piratesparty gefunden. Eine seltene und tolle Gelegenheit, einmal ganz tief in den Kopf eines Memotechnikers zu schauen. Eine Erfahrung, die selten so detailliert erklärt und geteilt wird! Viel Spaß beim Lesen!

Einstieg

Initiiert durch den grandiosen Vorschlag eines Professors einer Universität in Berlin nahm ich mir vor das Periodensystem mit seinen 111 Elementen auswendig zu lernen.

Meine erste Idee war, die Routentechnik dafür zu verwenden. Diese Technik wird erfolgreich von allen möglichen Gedächtniskünstlern weltweit angewandt, um erstaunliche Gedächtnisleistungen zu erzielen und sie war mir bekannt, weil ich selbst schon in einigen Klausuren damit gearbeitet hatte und auch sonst darüber informiert war. Bei der Methode wird der zu erlernende Content mit gut einprägsamen Routenpunkten verknüpft und ist durch geistiges abklappern der Route dann im Nachhinein wieder abrufbar.

Als erstes informierte ich mich erneut über die Routentechnik und fand einen Artikel auf einer wunderbaren Website¹ die ich im  weiteren Verlauf des Projekts noch öfter zu Gesicht bekam, auch wenn dieses anfangs verflixte Trainingsprogramm sich nicht im Browser starten ließ und mich damit schwer aufregte.

Außerdem recherchierte ich über die Methode bei Wikipedia und fand sie schließlich unter dem Namen Loci-Methode.

Allgemein

Um diese Technik zu beherrschen, wird nur sehr wenig Aufwand benötigt. Wer sich ohne Hilfstechniken eine Abfolge von Dingen zu merken versucht, scheitert schnell; mit Hilfe der Loci-Technik werden die Lerninhalte geordnet „encodiert“. In der Loci-Technik wird für jeden Begriff ein eigener Platz reserviert, quasi Variablen geschaffen, die mit verschiedenen Inhalten belegt werden können. Diese Variablen liegen in einer übergeordneten, fixen Struktur, so dass es möglich wird, bei der Wiedergabe die genaue Reihenfolge einzuhalten.

Diese fixe Struktur kann ein wohlbekannter Weg sein, aber auch ein Raum. Es muss im zweiten Falle nicht unbedingt ein realer Raum sein. Man kann sich selbst seinen eigenen Raum schaffen, dies muss jedoch in größtmöglicher Detailgenauigkeit geschehen. Bei beiden Varianten ist es notwendig, ganz eindeutige Plätze auszuwählen, wo später die zu merkenden Dinge „abgelegt“ werden können. Zusätzlich kann man diesen Plätzen noch Nummern zuweisen.

Anschließend kann man auf die geistig vorbereiteten Plätze das zu Merkende in Form lebendiger Bilder ablegen. Traditionell wird an einem Ort/Platz nur ein Begriff/Bild abgelegt.

Einige moderne Lehrer halten es für besonders günstig, wenn man mehrere Dinge zuerst zu einem Assoziationsbild verknüpft und dann gedanklich ablegt. So werde „Platz gespart“ und man erinnere sich obendrein noch leichter.

Man kann den Weg oder das Zimmer immer wieder benutzen, quasi neu „beschreiben“, wenn das alte Wissen vergessen wurde. Ohne Wiederholung werden die Bilder im Kopf immer schwammiger, bis sie irgendwann ganz vergessen werden.

Mögliche Plätze

  • Wohnung, Häuser
  • Öffentliche Plätze
  • Straßen
  • Museen
  • Eigener Körper

Im Mittelalter waren gerade in den Predigerorden Kirchen beliebt.

Neurologische Ursachen

Diese Methode funktioniert deshalb gut, weil das menschliche Gehirn Daten gut ortsabhängig einspeichern kann und assoziativ funktioniert. Die Idee geht auf die alten Griechen zurück (möglicherweise entstand sie noch früher). Die Wissenschaftler mussten damals viel mehr auswendig lernen, da Bücher als Handschriften teuer und selten waren. Die Methode wird auch von heutigen Gedächtnissportlern benutzt.

Geschichte

Auch Redner in der Antike nutzten diese Technik, um ihre Reden auswendig zu lernen. Cicero schritt dabei gedanklich die Umgebung des Forums in Rom ab. Er beschreibt die Methode in seinem Werk “De oratore”.

Angeblicher Erfinder ist Simonides von Keos. Er lebte um 500 v. Chr. und war ein bekannter Poet und Redner. Er hatte wohl noch nichts mit späteren Konzeptionen eines Gedächtnispalastes zu tun. In der Antike war die ihm legendär zugeschriebene Loci-Methode so verbreitet, dass man einfach nur von “der Methode” sprach. Der Sage nach ist Simonides auf die Idee für die Loci-Methode gekommen, als er bei einer Feier des Skopas dessen Haus kurzzeitig verließ und während seiner Abwesenheit das Haus einstürzte. Niemand überlebte, eine Zuordnung der zermalmten Körper war äußerlich nicht mehr möglich. Simonides musste, als einziger Überlebender, die unkenntlich Gemachten identifizieren. Dabei visualisierte er die Szenerie vor dem Einsturz, um sich des jeweiligen Aufenthalts der Personen zu vergegenwärtigen, und erkannte in seinem Erfolg, dass es dem Mensch leicht fällt, in eine räumliche Verknüpfung eingefügte Informationen geordnet wiederzugeben.

Quelle: Wikipedia – freie Enzyklopädie des Wissens

Der Plan

Außerdem las ich noch von dem sogenannten Gedächtnispalast, einem geistigen Konstrukt, das im Prinzip nichts anderes als eine Ansammlung von fiktiven Loci ist, die verschiedenste Routen darstellen können.

Ich wollte genau das. Ich wollte einen Raum schaffen indem ich das Periodensystem unterbringen konnte, am besten so, dass ich es nie wieder vergessen würde. Noch besser wäre es, wenn dieses Periodensystem-Haus oder der Perdiodensystem-Raum teil eines Komplexes wäre, indem noch tausend andere Dinge gespeichert werden könnten. Ein Gedächtnispalast der Superlative.HAHA.

Das sind Gedanken die Motivation ankündigen. Jetzt nur nicht entmutigen lassen und erste Erfolge erzielen.

Nun die erste Frage: Wie sollte der Raum aussehen? Sollte es schlicht ein Zimmer sein, oder wäre es besser ein eigenes Gebäude mit vielen Zimmern nur für das Periodensystem anzulegen? Ist es sinnvoller eine Route mit 111 Punkten zu erstellen oder ist es sinnvoller das ganze in Teilstrecken zu zerlegen?

Ich entschloss mich zuerst den inneren Aufbau meines Opfers besser zu verstehen. Ich nahm mir das Periodensystem vor.

Das Periodensystem

Das Periodensystem ist sowohl in die Perioden 1 bis 7, als auch in die Hauptgruppen 1 bis 8 unterteilt. Außerdem gibt es die Gruppen der Alkalimetalle, der Erdalkalimetalle, der Metalle, Nichtmetalle, Halogene sowie der Übergangsmetalle in denen die zwei Gruppen Lanthanoide und Actinoide strukturell inbergiffen sind.

Was nun charakteristisch für die einzelnen Gruppen war und was mit zunehmender oder abnehmender Periode oder Hauptgruppe genau ablief, war mir mittlerweile wieder einigermaßen schleierhaft geworden und würde Gegenstand späteren Lernens sein.

Aber die aufgezählten strukturellen Unterteilungen boten schon einige Möglichkeiten zur Einrichtung des PSE-Gebäudes – denn das sollte es, da war ich mir sicher, werden: Ein Gebäude.

Abbildung 1: erste Skizze nach Strukturanalyse des PSE

Die Routen

Nachdem ich nun eine grobe Vorstellung des Gebäudes hatte musste ich die Wege durch dieses Gebäude entweder detailliert  ausarbeiten damit ich sie mir merken konnte, oder mit realen Routen belegen. Beispielsweise hat der Flur der Alkalimetalle mit dem H2-Pförtner und dem Fahrstuhl am Ende8 Stationen und ich konnte diese Stationen leicht mit einem Gang durch meine alte Wohnung belegen. So kam es dass das Pförtnerhaus in einem schönen Garten mit Wiese stand, im Eingangsbereich bei Lithium und der giftigen alten Sekretärin Beryllium ein Ka(r)min gleich neben der Eintrittsglastür stand, welchen Lithium auch immer fleißig befeuerte, worüber sich die blöde Beryllium ständig aufregte, weil sie Karminrot hasste! Man ging dann weiter zu Magnesium und Natrium, deren Büros einen Warteraum mit Klavier hatten, dessen Tasten aus Magnesiumtabletten und Salzbestanden, weswegen man wenn man seine Finger nach dem spielen ableckte, entweder einen salzigen oder einen zitronigen Geschmack hatte. Dann kam man zu den Büros von Kalium und Calcium deren Boden mit knarrenden Holzdielen ausgelegt war, zwischen die Dielen lief die ganze Zeit Kaliumpermanganatlösung und man dachte ‘Was für eine Schweinerei! Das bekommen die nie wieder sauber!’ An Calciums Tür klebte ein Poster von einem Skelett, Erinnerung an einen Knochenaufbaukurs den es in der 10ten Klasse gewonnen hatte. Das Skelett steppte auf dem Holzdielen, dass die Permanganatlösung nur so spritzte. Man kam dann weiter zu Rubidium und Strontium die eine Wäscherei mit einer derbe schaukelnden und rüttelnden Waschmaschine hatten, was ziemlich gefährlich war, weil Rubidium immer gleich explodierte wenn es etwas von dem rumspritzenden Wasser abbekam. Allgemein mochte niemand die Wäscherei, vor allem Calcium der Knochenfreak nich, weil Strontiums Zwillingsbruder 90Sr ständig allen radioaktiv die Fresse wegfetzte und Knochen und Zähne brüchig machte! HAHA wir er da lacht. Man musste echt ständig zwischen diesen beiden Irren durch um weiterzukommen und sprang dann deckungssuchend zwischen radioaktiven laserstrahlen und den explodierenden Rubidiumfragmenten durch die Wäscherei mit den wackelnden Waschmaschinen.. eieiei.. Danach kam der Leseraum von Cäsium und Barium in dem es nach frisch gedruckten Büchern roch und eine Cäsium-Uhr vor sich hin tickte. Barium ist ein Fettklops der auf die Atombombe im nächsten Raum aufpasst. Der nächste Raum ist ein Kinderzimmer in dem Francium(Franz) und der kleine dicke Radium(Hans?!) (der Sohn von Madam Curie) auf einer Atombombe sitzen und mit Lego spielen. Danach kommt der Fahrstuhl mit dem 1,80 großen Kanarienvogelwärter.

1 Wasserstoff Garten, Pförtner
2 Lithium Beryllium Kaminfeuer, giftige Sekretärin
3 Natrium Magnesium Klavier aus Salz und Tabletten
4 Kalium Calcium Holzdielen, steppendes Skelett und auslaufende Lösung
5 Rubidium Strontium Die wackelnden Waschmaschinen, Atomarestrahlung, explodierendes Rubidium
6 Cäsium Barium Leseraum, tickende Cäsium-Uhr und dicker Barium
7 Francium Radium Kinderzimmer, Atombombe Hans(Radium?) & Franz(ium)
8 Fahrstuhl Kanarienvogel

Anhand des letzten Punktes hab ich dann die Verknüpfung zur nächsten Route gelegt in dem ich einfach eine andere Wohnung die mir wohl bekannt war und die einen Kanarienvogel am einen Ende enthielt nutzte. Sie belegte die ersten 10 Elemente in der Halle der Übergangsmetalle und sah folgendermaßen aus:

1 Scandium Kanarienvogel, mitten drin im Skandal-Büro!
2 Titanium Ein Titan schläft im Bettchen und schnarcht
3 Vanadium Vandalen im Fernsehen werfen Steine
4 Chromium Autowerkstatt draußen vor der Tür, mit gut verchromten Felgen!
5 Mangan Kleine Manganknollen die sich in den Ritzen vom Sofa verkrümeln
6 Eisen Ich stolper über einen schweren Eisenlampenschirm
7 Cobalt Auf der Fensterbank sitzt ein kichernder Kobolt
8 Nickel Die Hundehütte ist voll gestopft mit allergieauslösenden Nickel-Ohrringen
9 Kupfer Im Regal steht eine Bibel mit verkupferten Metallseiten, an denen man sich die Finger schneidet und blutet. Blut auf Kupfer schmeckt komisch.
10 Zink Die Tür ist eine Zink-Opfer-Anode an einem riesigen Schiff!

Und so weiter. Nacheinander belegte ich alle Elemente der Halle der Übergangsmetalle mit meinen Routen, bzw. die Routen mit den Elementen. Bis ich die 40 Elemente locker runter rasseln konnte. Der Trick ist dabei, sich die verknüpfenden Gedanken so realistisch wie möglich auszumalen, also mit vielen Sinnen. Es nützt nichts, sich einfach Kombinationen zu denken, man muss diese auch ausmalen, facettenreich und kreativ bis komplett wahnsinnig gestalten. Gut im Gedächtnis bleiben neben den Orten vor allem Angst/Schmerz/Gefahr, Erotik, Übertreibungen sowie Geräusche oder Gerüche. Man muss sehen was bei einem selbst am besten im Gedächtnis bleibt. Bei mir sind es Vorstellungen von Bewegungsabläufen, wie beispielsweise in der Rubidium-Strontium-Wäscherei oder bei dem Eisenlampenschirm.

Immer wenn mir ein Element nichts sagte, ich also keine wirkliche Vorstellung von ihm hatte, recherchierte ich seine Eigenschaften und Anekdoten und Geschichten. Sehr geholfen hat mir dabei eine Sammlung von Videos der University of Nottingham², die zu JEDEM Element ein Youtube-Video online haben, in dem Professoren darüber reden und Experimente seine Eigenschaften verdeutlichen. Ein Heidenspaß und sehr interessant.

Nach der vierten 10er-Reihe der Übergangsmetalle stellte ich fest, dass es wirklich am sinnvollsten ist sich eine Tabelle zu machen. Die erste Spalte enthält die Schlagworte der Route (z.B. Tisch, Spüle, Hundehütte..) die zweite Spalte die zu merkenden Begriffe (z.B Lantan, Hafnium, Tantal…) und in der dritten Spalte assoziert man frei und versucht möglichst viele Sinne anzusprechen (z.B. der Chinese Lan-Tan grüßt und legt Metallschwämme auf dem Boden aus über die ich barfuß gehe, in der Spüle sitzt ein Kiffer, Taranteln klettern aus der Hundehütte und krabbeln auf mich zu).

Geht man dann mit den Tabellen die Route ein-, zweimal im Kopf durch, hat man meistens schon alles im Kopf.

Nach einer Woche gemächlichen Lernens hatte ich das Periodensystem im Kopf, es ist jedoch auch viel schneller möglich, wenn ich systematisch gleich Tabellen aufgestellt hätte und dann alles durchgegangen wäre, hätte ich es sicherlich an einem Tag geschafft.

Als nächstes überlege ich nun mit Hilfe anderer Mnemo-Techniken große Zahlenreihen auswendig zu lernen.

Dieser Artikel wurde verfasst von pierre

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‘Mnemo-Techniken und das Auswendiglernen des chemischen Periodensystems mit seinen 111 Elementen’ und alle seine Bestandteile stehen unter einer Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 Deutschland Lizenz.

Dieser Artikel ist Teil des Blog-Books "Der Gedächtnispalast - Gipfel der Mnemotechniken". Wenn Sie mehr lesen wollen, schauen Sie sich das Inhaltsverzeichnis an.

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