Alles merken! Wie hätten Sie es denn gerne?

Mühelos Lernen will jeder. Aber nur wenige Menschen machen sich Gedanken darüber, wie die übernatürliche Form der Wissensaufnahme stattfinden soll. Stellen Sie sich folgende Frage:

Wie wäre es, wenn Sie sich alles merken könnten?

Denken Sie in Ruhe darüber nach. Bitte keine Mikrochips, die am Hinterkopf unter die Haut geschoben werden und keine übersinnlichen Erleuchtungen, die Ihnen in Sekunden alle Sprachen der Welt einhauchen. Häufig ist die Vorstellung vom genialen Kopf von ein paar bekannten Geschichten geprägt:

  • Der Film „Rain Man“ und Dustin Hoffman in der Rolle von Raymond Babbitt, der in wenigen Stunden ein Telefonbuch auswendig gelernt hat.
  • Der Kopf als Videorekorder: Menschen können sich unter Hypnose an viele Details bestimmter Ereignisse erinnern, aber nicht, wenn der Lateinlehrer nach den Vokabeln von gestern fragt oder im Supermarkt gegrübelt wird, ob im Kühlschrank noch Butter liegt.
  • Das beliebte fotografische Gedächtnis: Jeder kennt jemanden, der jemanden kennt, der so etwas kann: Buchseite anschauen und dann später vor dem geistigen Auge ablesen.
  • Schließlich die Genialität von Albert Einstein, Johann Wolfgang von Goethe und Sir Isaac Newton, die wenige Male unter Millionen Geburten zuschlägt, danach aber nicht mehr zu erreichen ist.

Damit stecken wir halshoch in drei wild diskutierten Phänomenen irgendwo zwischen Hirnforschung und Hollywood:

Erstens „Rain Man“: Inselbegabungen (auch Savant-Syndrom) sind außergewöhnliche Leistungen von geistig behinderten Menschen (Autisten). Wenn Sie eine schwere kognitive Einschränkung haben und Ihr Intelligenzquotient weit unter 70 Punkten liegt, dann kann es sein, dass Sie sich das Telefonbuch irgendeiner amerikanischen Kleinstadt an einem Abend bis zum Buchstaben G einprägen und ganz Rom aus dem Kopf zeichnen können (schauen Sie sich dazu Stephen Wiltshire im Internet an, Englisch). Vorbild von „Rain Man“ ist der geistig schwer behinderte Kim Peek, der 12.000 Bücher wortwörtlich im Hirn hat. Peek lernte mit 16 Monaten lesen und hatte im Alter von vier Jahren acht Lexikon-Bände wortwörtlich im Kopf. Mit Hilfe von Merktechniken schaffen Sie innerhalb von ein paar Stunden vielleicht nur den Buchstaben „A“ im Telefonbuch von Norderney, können sich dafür aber selbst die Schnürsenkel zubinden.

Zweitens: Das Hirn funktioniert tatsächlich als Videorekorder. Ray Bradbury schreibt davon in seinem Roman „Fahrenheit 451″: Jedes Buch, das wir in unserem Leben gelesen haben, tragen wir in uns. Allerdings können wir auf viele wichtige und unwichtige Erlebnisse nicht bewusst zugreifen. Es ist leider unmöglich, auf diesem Erinnerungsband beliebig hin und her zu spulen. Kaum auszusprechen ist das hyperthymestische Syndrom, bei dem Menschen sich an alles erinnern, was sie jemals erlebt haben. An jedes hart gekochte Ei zum Frühstück, jeden verpassten Bus und jeden Regentag. Schauen Sie sich Brad Williams an (Englisch). Seien Sie nicht neidisch, dass Sie das nicht auch können. Jill Price hat den gleichen Hirndefekt und schreibt in ihrem Buch „The Woman Who Can’t Forget“ („Die Frau, die nicht vergessen kann“) von den Qualen, die diese Gabe beschert.

Seit sie 14 Jahre alt ist, kann sie sich an alles in ihrem Leben erinnern. Alle schlechten Nachrichten, jeden Schreck und jedes böse Wort trägt sie jeden Augenblick ihres Lebens mit sich herum. Ohne die Hilfe von Psychologen würde sie davon erdrückt werden.

Drittens: Wenn bei der nächsten Party ein Gast von einem Freund erzählt, der jemanden kennt, der ein fotografisches Gedächtnis hat, können Sie gelassen erwidern: Hat er nicht! Denn das Ablichten von Buchseiten mit den Augen gibt es nicht (genauer gesagt gibt es bisher keinen bestätigten Fall, der in einem seriösen Experiment diese Fähigkeit bewiesen hätte). In der neueren amerikanischen Lernpsychologie taucht das fotografische Gedächtnis neuerdings wieder auf. Allerdings in anderer Form: Das Arbeitsgedächtnis ist durchaus in der Lage, Gesehenes als Bild abzuspeichern (machen Sie dazu dieses Experiment auf YouTube).

Echte visuelle Eindrücke bleiben nur Sekundenbruchteile erhalten und müssen dann schleunigst vom Gehirn verarbeitet werden, um nicht vergessen zu sein. Das Gehör kann Wahrgenommenes sogar für mehrere Sekunden behalten. Wenn wir nicht genau hingehört haben, können wir uns einen Moment an das Gesagte zurück erinnern.

Und zuletzt die Hoffnung auf das Genie in uns. Schulversager sind eigentlich hochbegabt. Einstein war zuerst technischer Experte 3. Klasse im Patentamt. Aber er war keine Niete in der Schule, wie allgemein angenommen wird – was angeblich jeder Nobelpreisträger und Self-Made-Milliardär gewesen sein soll (solche Geschichten machen gut in Biographien). Der Intelligenzquotient (IQ) ist in den 90er Jahren austauschbar geworden, um den weniger Schlauen neue Hoffnung zu machen: Emotionale Intelligenz (EQ) als die bessere Art der Weisheit. Heute haben wir die Wahl, auf neun Arten intelligent zu sein (eine Erfindung des Harvard-Professors Howard Gardner). Da ist für jeden etwas dabei! Zur Not bleiben Talentshows im Fernsehen, wo der Rest die Chance hat, schlicht ausgeflippt berühmt zu werden.

Seien Sie nicht enttäuscht, wenn Sie keins dieser Phänomene erwischt haben. Ihr Gehirn merkt, ohne dass Sie es merken: Die Melodie des neuen Hits im Radio können Sie nach 2 Minuten 35 Sekunden fehlerfrei mitsingen. Den Namen Ihres neuen Kollegen Herrn Willi Warzennase? Lernen unnötig! Die PIN für die neue Kreditkarte lautet „6789″ – genauso schnell abgespeichert wie den Witz, den Sie in der Kantine mit halbem Ohr vom Nebentisch gefischt haben.

Haben Sie schon eine Vorstellung davon, wie es wäre, wenn Sie sich einfach alles merken können? Falls Sie sich nicht entscheiden konnten, hier ein Vorschlag:

Einmal lernen. Nie mehr vergessen.

Klingt zu gut, um tatsächlich zu funktionieren? Sie werden erleben, dass Lernen genau so sein kann. Sie können sich mit dieser Vorstellung anfreunden…

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