01YNvjzWvdXuSHBR.jpg

So geht Gedächtnispalast: Erster Weltkrieg im Bungalow – Praxisbeispiel zum Selberdenken

Komplexe Themen mit Hilfe der Königsdisziplin unter den Merktechniken lernen: In diesem Artikel erkläre ich Ihnen, wie Sie Daten und Fakten rund um den Ersten Weltkrieg in einen kleinen Gedächtnispalast konstruieren. Lernen Sie, ein fiktives Gebäude in Ihrem Kopf zu bauen und dieses mit Informationen zu füllen, um später zielsicher darauf zugreifen zu können…

Die Form folgt der Funktion: Ein gedachtes Gebäude sollte den Fakten entsprechen, die darin untergebracht werden sollen – weil ein Gedächtnispalast aber ein lebendiges Gebilde ist, das praktisch ständig erweitert werden kann, sollten Ihre Pläne dennoch etwas Flexibilität aufweisen. Wie das geht, zeige ich anhand meines eigenen Gedankenmodell für diese historischen Fakten…

Das gedachte Gebäude

Statt in einem einzigen, riesigen Palast zu denken, bringe ich spezielle Themen gerne in einzelnen Gebäuden unter. Der Erste Weltkrieg dauerte vier Jahre (von 1914 bis 1918), also habe ich mir dafür einen fiktiven Bungalow konstruiert, der für jedes Jahr einen Raum bzw. eine Fläche besitzt.

Dieses Konzept eignet sich gut für historische Ereignisse, besonders solche, die sich über einen längeren Zeitraum ausdehnen (Französische Revolution, Industrialisierung, Erster und Zweiter Weltkrieg usw.), während bei anderen Themen die Räume Kapitel oder Unterthemen enthalten können (wie zum Beispiel bei Biologie, Jazzmusik, Patientenakten).

Mein Weltkriegs-Bungalow besteht also aus fünf Räumen, die ich in einer Reihenfolge durchwandern kann. So kann ich den Ablauf auch chronologisch wiedergeben (obwohl ich keine Vorträge zu dem Thema abhalte, aber man kann nie wissen).

Die Räume bzw. Flächen in Reihenfolge der Jahre:

  • Einfahrt und Vorgarten
  • Flur
  • Küche
  • Wohnzimmer
  • Garten hinter dem Haus

Nachdem der grobe Plan feststeht, nehmen Sie sich ein wenig Zeit und lassen Sie Ihre Phantasie spielen: Gehen Sie im Geiste das gesamte Gebäude durch und schauen Sie sich die Räume in Ruhe an. Dabei müssen keine konkreten Gegenstände eingefügt werden. Es geht beim ersten Rundgang eher darum, ein Gefühl für Größe und Aufbau der gesamten Konstruktion zu gewinnen.

Mein Bungalow steht in Bauweise und Aussehen irgendwo in den USA. Ein kleines Haus in einer Wohnsiedlung mit dem Auto vor der Tür und dem Pool hinten im Garten.

Der Gedächtnis-Bungalow für den Ersten Weltkrieg

Jahreszahlen einbauen

Jeder Raum steht für ein Jahr des Krieges, wobei ich nicht in jeden Raum die Jahreszahl mit einbaue, sondern nur in der ersten Fläche (dort schauen ein paar 14-jährige Konfirmanten dem Geschehen zu) und in der letzten (dort steht ein Schild an der Tür, auf dem „Zutritt ab 18 Jahren“ steht). Für die restlichen Räume spare ich den Aufwand.

In diesem Fall ist die Ordnung und Gliederung der Räume mit zwei Hinweisen  auf die Jahre recht übersichtlich. Testen Sie trotzdem, ob beide Bilder in Ihrem Kopf funktionieren (statten Sie die Kinder mit Eiscreme aus und überlegen Sie, was für eine wilde Party hinten im Garten stattfinden könnte, zu der Jugendliche keinen Zutritt haben dürfen).

Erste Ereignisse einbauen

Im nächsten Schritt werden die wichtigsten Ereignisse in den Gedächtnispalast hinein konstruiert. Diese sollten als lebendige Bilder in den Räumen platziert sein. Achten Sie darauf, dass es einen Bezug zwischen den zu merkenden Fakten und dem Gebäude gibt, damit alles an seinem Platz bleibt.

Wie stark diese Bezüge sein müssen, ist eine Frage der eigenen Phantasie. Ich plane zum Beispiel immer eine leichte Verkettung mit ein – andere brauchen diese Verbindungen gar nicht. Der Erinnerungs-Test zeigt, ob die Bilder funktionieren. Sollte das nicht der Fall sein, bessere ich die Merkhilfen in Gedanken einfach nach!

Das wichtigste Ereignis

Der Krieg brach durch den Mordanschlag auf Erzherzog Franz-Ferdinand aus. Passenderweise platziere ich in Gedanken den angeschossenen Adeligen in dem Auto, das ich mir vor dem Haus vorstelle. Der Wagen steht in einem Carport, dessen Dach zwei aneinander gelehnten „F“ ähnelt (ein Hinweis auf die Initialen F.F. des Thronfolgers).

Gleichzeitig zertrümmert dieser im Sterben das Küchenfenster in der Fassade. Dieser Angriff stellt die Kriegserklärung Österreich-Ungarns gegen Serbien dar (die Scherben führen mich in Gedanken zum Namen des gegnerischen Landes).

Dieses Bild läßt sich natürlich bliebig verfeinern. Bauen Sie alle Fakten ein, die Sie sich nicht merken können. Lassen Sie gleichzeitig alles weg, was Sie ohnehin im Kopf haben – so verzichte ich auf den Hinweis, dass F.F. der Thronfolger von Österreich-Ungarn war. Und: testen Sie beständig, ob Sie sich die Bilder gut vorstellen und damit zuverlässig merken können.

Weiter im Kriegs-Programm…

Ein weiteres wichtiges Ereignis im gleichen Jahr war die Kriegserklärung von Deutschland gegen Rußland und Frankreich. Um das ebenfalls im Vorgarten zu platzieren, wandert mein Blick vom Carport zur Haustür, die von zwei Soldaten bewacht wird. Ein deutscher Soldat mit typischer Pickelhaube übergießt eine der beiden Wachen mit Wodka und die andere schlägt er mit einem Baguette – die entscheidenden Hinweise auf die Nationen. Diese Vorstellung der Gegenstände (Wodka für Russland und Baguette für Frankreich) funktionieren in meinem Kopf besser als zwei Figuren, wie zum Beispiel Rasputin und Ludwig XIV.

Weiter geht die Tour durch das Haus

Im Flur (also im Jahr 1915) gab es noch eine Kriegserklärung. Vor meinem geistigen Auge geht hier ein Regenschirm aus Spaghetti auf eine Jacke los, die aus Kaiserschmarren gemacht ist. Dieses Bild steht für die Kriegserklärung von Italien gegen Österreich-Ungarn. Damit ist dieser Raum mit dem ersten Bild belegt.

In der Küche wird es dann etwas komplexer: Kronprinz Wilhelm „vertut“ sich beim Kochen am Herd mit dem Salz und bricht vor Übelkeit auf dem Linoleumboden zusammen (Niederlage der angreifenden Deutschen in Verdun).

Kurz dahinter kämpfen ein berühmter englischer Koch und ein berühmter französischer Koch gegen Sonnenlicht, das durch das zerbrochene Fenster (Sie erinnern sich?) hereinquillt. Die beiden gewinnen nicht und enden mit einem bösen Sonnenbrand. Dies ist das Bild für die Schlacht an der Somme (das wie Wasser eines Flusses herein quellendes Sonnenlicht), bei der es keinen Sieger, sondern nur arge Verluste gab.

Was geht im Wohnzimmer?

Im nächsten Raum hüpfen deutsche U-Boote wie Gummibälle auf dem Sofa auf und ab. Davor steht ein Cowboy, der versucht, die Botte mit dem Revolver zu treffen. Diese Schießbude stellt – Sie ahnen es schon – den deutschen U-Boot-Krieg und den Einstieg der USA ins Kriegsgeschehen dar.

Hier ist auch die Reihenfolge der Ereignisse mit ins Bild gedacht: Erst nachdem die U-Boote auf dem Sofa hüpfen, fängt der Cowboy mit dem Schießen an. Umgekehrt würde das Bild keinen Sinn machen – und so ist es historisch auch nicht abgelaufen. Das Sofa bindet die Ereignisse an das Wohnzimmer. Wäre das ein Jahr früher geschehen, hätte ich die U-Boote vielleicht in der Spüle schwimmen lassen.

Und jetzt raus in den Garten

Am Pool hinter dem Haus wird es bizarr: Eine nackte Frau (FSK 18 – also im Jahr 1918) schlägt mit zwei Fäusten und laut mahnend auf einen ebenfalls nackten Deutschen ein, der mit einer Pappnase im Pool steht und schließlich aufgibt. Dieses Bild enthält die zweite (zwei Fäuste) Schlacht bei Marne („ermahnen“) und die Kapitulation der Deutschen am 11. November (Faschingsbeginn – deswegen die Pappnase).

Damit sind alle Räume bereits mit den wichtigsten Ereignissen dieser Zeit belegt!

Erinnern ist (wie) ein Spaziergang

Wenn Sie sich die ersten Bilder ausgedacht und das Gebäude so mit den ersten Fakten gefüllt haben, können Sie auf Erinnerungsreise gehen. Spazieren Sie in Gedanken durch den Weltkriegs-Bungalow und testen Sie, ob Ihnen alle Bilder und die dazugehörigen Fakten wieder problemlos einfallen.

Sollte Ihnen ein Bild nicht zusagen und Sie tun sich schwer, etwas präzise zu erinnern oder wieder in die tatsächlich Fakten zurück zu verwandeln, dann bauen Sie um! Es ist wichtig, dass Ihr Gehirn mit Bildern umgeht, die ihm schmecken – sonst laufen Sie Gefahr, etwas zu vergessen.

Wie geht es weiter?

Was Sie bis jetzt gedacht haben, ist aber erst der Anfang, denn dieser bis jetzt noch unscheinbare Bungalow kann Stück für Stück um mehr Fakten erweitert werden.

Zum Beispiel können Sie die Szene im Auto vor dem Haus um die Ehefrau des Kronprinzen erweitern, die ebenfalls „so wie ein Vieh“ angeschossen worden ist (ihr Name ist Sophie).

Oder Sie fügen ganz neue Ereignisse ein: Der Papst steht gut-dick in einen Mantel gewickelt im Flur hinter einem Tisch, auf dem Gefangene zum Tausch liegen. Laut brüllend bietet er diese seltsame Ware an. Bedeutet: Benedict der XV. rief 1915 alle Gegner zum Austausch der Kriegsgefangenen auf.

Warum der ganze Aufwand?

Auch wenn diese Art zu lernen ungewöhnlich und vielleicht sogar albern wirkt: Das Merken mit einem Gedächtnispalast hat eine Menge Vorteile. Stellen Sie sich vor, die gleichen Fakten auf herkömmliche Weise zu lernen? Allein beim Erinnern können Sie durch die Bilder auf die Fakten schauen wie auf einen inneren Spickzettel. Sie können in Gedanken durch die Informationen wandern und Ihren Wissensspeicher nach Belieben ausbauen…

Das ist Lernen in Bestform!

Wenn Sie mehr erfahren wollen, lesen Sie auch den Artikel über einen Gedächtnispalast für das Periodensystem der chemischen Elemente.

Mehr Fakten für Ihren Gedächtnispalast finden Sie zum Beispiel in diesem Buch:

Dieser Artikel ist Teil des Blog-Books "Der Gedächtnispalast - Gipfel der Mnemotechniken". Wenn Sie mehr lesen wollen, schauen Sie sich das Inhaltsverzeichnis an.

Share on FacebookTweet about this on TwitterPin on PinterestShare on Google+Share on TumblrEmail this to someone