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Schöner schlau! – denkreich im neuen Design

Ab jetzt ist alles flach! Und schon sehen viele Webseiten mit 3D- und Schatteneffekten ziemlich alt aus. Das pink-farbene Erscheinungsbild unserer Webseite war immerhin gut vier Jahre alt und die dritte Änderung des Internet-Auftritts. Nun ist es soweit und wir präsentieren uns im neuen, frischen und farbigeren Design.

Aber auch inhaltlich wird sich etwas ändern: Wir wollen unsere treuen Leser in Zukunft mit mehr Beiträgen und mehr Abwechslung versorgen.

Freuen Sie sich auf das neue denkreich! Und wenn Sie Ideen, Anregungen und Verbesserungsvorschläge haben (schließlich sind wir keine Marketing-Profis), dann schreiben Sie uns! Wir freuen uns über jede Mail…

 

Vielleicht retten Mnemotechniken die Welt – Gastartikel von Sven Huff (Fort Vinci)

Wir haben die Chance, die schlaueste Gesellschaft aller Zeiten zu werden. Wissen war nie leichter zugänglich als heute. Jeder, der noch in den frühen 1990er Jahren auf ein Buch in der Uni-Bibliothek gewartet hat, weiß, wovon ich spreche. Die Hauptstadt von Ghana ist so schnell „gegoogelt“ wie eine Kurzzusammenfassung von „Der Mann ohne Eigenschaften“ oder Pin-ups mit Tierschädeln.

Wissen ist allgegenwärtig. Egal, ob ich mich über das aktuellste „Nipple-Gate“ informieren möchte, über ungeklärte Vaterschaftsverhältnisse im Deutschen Promi-Stadl, ob ich ein Online-Tutorial in Wahrscheinlichkeitsrechnung belegen oder eine Fremdsprache erlernen will. Das Wissen ist da. Direkt vor uns. Die Welt erklärt sich mit ein paar Mausklicks. Aber während in Afghanistan einer jungen Frau von einem Taliban in den Kopf geschossen wurde, weil sie sich dafür einsetzte, dass Frauen Zugang zu Bildung bekommen, bleiben unsere Möglichkeiten ungenutzt.

Malala Yousafzai hat diesen Anschlag der Dummheit und der Ignoranz überlebt und setzt sich weiterhin für das Recht auf Bildung ein. Hier bei uns gibt es – noch – das Recht auf institutionelle Bildung.

Gebt Bildung nicht nur einen Preis, sondern auch einen Wert!

Aber Lernen ist hier bestenfalls ein Karriere-Vitamin – meistens jedoch eine nervende Notwendigkeit. Selten aber Selbstzweck, ein spielerisches „Rumforschen“, ein Wert an sich. Dabei ist es jetzt – angesichts der vielen Herausforderungen, vor denen unsere Spezies steht – wichtiger denn je, dass wir wieder das tun, was unsere Vorvorvorfahren getan haben: uns auf den Weg zu machen, zu erforschen, was sich hinter der Käseglocke unseres Horizonts befindet. Zu beobachten, Erklärungen zu suchen – denn nur wer das Feuer beherrscht, kann sich danach bei einem Barbecue besaufen. Vorausgesetzt, er hat schon die alkoholische Gärung kennengelernt. Lernen muss Spaß machen! Leider lernen die Wenigsten von uns, wie das funktioniert! Das Gros verabschiedet sich in die Resignation und Passivität. Nicht nur bei Wahlen, sondern auch bei der Erweiterung des eigenen Horizonts. Wenn nicht jetzt, dann vielleicht nach der Schule oder der Uni.

Lernt um euer Leben gern!

Dabei können wir das bequem auf unserem Sofa tun. Mit einer Flasche Merlot auf dem Tisch und dem Lieblingstrack im Ohr. Das Internet – die Dummen macht es dümmer, die Schlauen schlauer. Keiner von uns muss fürchten, dass ihm in den Kopf geschossen wird, wenn man sich mit Kant statt mit Allah beschäftigt. Oder mit „Evolution“ statt mit „Genesis“. Wir ertrinken in einem Meer von Informationen, und meistens läuft es nur auf irgendwelche Preisvergleiche, Statusmeldungen oder Katzenfotos hinaus.

Also anders: Wir ertrinken nicht. Wir verdursten. Vor uns brandet der Ozean des Wissens – und wir verdursten in Halbwissen und verstummen vor lauter Dingen, die uns auf der Zunge liegen.

Mnemotechniken: Holt euch den Spaß zurück!

Damit schlägt die große Stunde der Mnemotechniken. Witzigerweise zu einem Zeitpunkt entwickelt, als Wissen vor allem Aberglaube war und Bibliotheken so selten waren wie heute ein Centaur oder ein Lindwurm. Wer in dieser Zeit ein Buch zu fassen bekam, lernte es auswendig.

Wissen war kostbar. Sogar Macht. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Nicht nur Taliban wissen das. Aber die ständige Verfügbarkeit von Wissen verleitet dazu, sich wissend zu glauben. Obwohl man nichts weiß. Denn es zählt nur das, was man im Kopf und nicht auf dem Display hat!

Die uralten – und auch nicht ganz so alten – Merktechniken helfen uns dabei, das Wissen aus dem Netz unter den Scheitel zu kriegen. Da, wo es hingehört, um uns auf neue Ideen zu bringen – und neue Informationen bewerten zu können. Und neue Informationen gibt es täglich in Hülle und Fülle!

„Mnemotechniken“ sind eben nicht die Waffe der Wahl von Erbsenzählern und „Strebern“. Sie sind das „Seepferdchen“, um in der Informationsgesellschaft nicht unterzugehen. Und, viel wichtiger, sie helfen dabei, wieder Spaß am Lernen zu gewinnen! Denn sie machen das Lernen nicht nur leichter, sondern vor allem auch „lustvoller“.

Aber es geht noch weiter! Sich Informationen merken zu können, ist das eine. Aber was macht man dann mit ihnen? Kreativitätstechniken helfen dabei, neue Sichtweisen einzunehmen und Lösungen zu finden. Mit Motivations- und Lerntechniken im Gepäck schwimmt man auch länger auf dem Wissensozean herum, ohne dass einem die Puste ausgeht. All diese Methoden sind einfach zu lernen – werden aber noch viel zu selten gelehrt. Dabei stellen sie nur das absolute „Grundrüstzeug“ dar!

Lasst euch nicht verarschen!

Faktisch bewegen sich die meisten von uns so machtlos durch das Informationszeitalter wie ein mittelalterlicher Bauer durch ein Kirchenkonzil: Wer nichts weiß, muss eben alles glauben. Wer hat denn schon genug Ahnung von Statistik, um eine solche richtig interpretieren zu können – und sich nicht auf den Journalisten zu verlassen, der sie zitiert – und selbst nicht versteht? Wer weiß denn schon, wie eine Studie so durchgeführt wird, dass sie tatsächlich objektive Ergebnisse bringt – und nicht das bestätigt, was uns die Anbieter von irgendwelchen Produkten glauben machen wollen?

Wir haben jetzt die Chance, die schlaueste, gebildetste, diskursfähigste Gesellschaft aller Zeiten zu werden. Aber nur dann, wenn jeder von uns die Methoden an die Hand bekommt, mit denen man das Wissen nicht einfach nur an- und durch sich hindurchrauschen lässt – sondern es für sein eigenes Denken und Handeln zu nutzen.

Aktive Teilnahme oder Untergang!

Es geht um das Überleben unserer Spezies. Und das hängt von der Fähigkeit zu lernen ab. Sie finden das übertrieben?

Zwanzig Prozent der US-Bevölkerung glauben, die Sonne dreht sich um die Erde. Ja, ich weiß, es ist immer leicht, „die Amerikaner“ herhalten zu lassen. Eine ähnliche, in Deutschland durchgeführte Studie, würde ein nicht so viel anderes Ergebnis bringen. Tatsache ist aber, dass 2002 ein aus dem Dunstkreis der Kreationisten kommendes Schulbuch „Schöpfung oder Evolution“, laut Focus vom damaligen thüringischen Ministerpräsidenten als „sehr gutes Beispiel für werteorientierte Bildung“ gepriesen wurde.

Das ist eine harmlose Umschreibung für „finsterer Aberglaube“ – und zeigt umso mehr, dass der Kampf gegen die Dummheit gerade erst begonnen hat. Klauben Sie sich jetzt Ihre Waffen zusammen, um sich dieser Herausforderung zu stellen! Und vor allem: Geben Sie diese weiter.

„Each one teach one“ lautete das Motto der Sklaven in den Südstaaten. Wer lesen konnte, gab diese Fähigkeit weiter. Denn Wissen ist der Weg in die Freiheit, in eine bessere Welt.

Lernt. Gebt euer Wissen weiter. Zeigt Freunden, wie sich leichter lernen lässt. Belächelt nicht die, die es nicht besser wissen. Toleriert nicht, was ihr nicht akzeptieren, womit ihr nicht leben könnt: Ungerechtigkeit. Dummheit. Ignoranz. Die Welt muss besser werden – also fangen wir bei uns an.

Fort_Vinci_LOGO

Das ist das Motto meines Blogs Fortvinci.

Sven Huff

 

Klare Sprache hilft beim Lernen – ein abschreckendes Beispiel

Wenn etwas klar und verständlich erklärt wird, entsteht im Kopf ein Bild. Experten neigen ins Gegenteil. Sie drücken sich möglichst kompliziert aus, weil das wichtiger klingt (dem Lernenden aber das Leben schwer macht).
Heute habe ich ein schönes Beispiel dafür gefunden: In den Hinweisen auf einer Wasserflasche stand…
ZUR UNTERSTÜTZUNG DER HARNAUSSCHEIDUNG
Auf den ersten Gedanken hat man da keine Flasche mit Wasser in der Hand, sondern trinkt eher Medizin oder einen Zaubertrank. Aber Moment mal!? Was steht da, wenn wir es in eine Hirn-verträgliche Form übersetzen?
Wer Wasser trinkt, muss auf die Toilette gehen!
Denken Sie mal darüber nach, dass beide Aussagen das gleiche beschreiben, aber so unglaublich verschieden klingen. Und genauso begegnen Schüler, Studenten und andere Lernende jeden Tag in Fachbüchern den wildesten Formulierungen, die eigentlich nur Schafe im Fell des Wolfes sind. Wir könnten es einfacher haben und mit mehr Spaß lernen, wenn sich die Autoren solcher Bücher nur etwas mehr Mühe geben würden. Auch wenn sie dann nicht mehr so beeindruckend Expertisch klingen.

 

Süß nehmen es die Briten: das Gegenteil von Stress

Obwohl introvertiert, haben auch die Briten einen Begriff für die allgemeine Hektik: STRESSED (gestresst) wird das genannt. Das lustige an dieser Vokabel ist, dass sie sich in ein süßes Gegenteil verkehrt, wenn sie andersrum gelesen wird. Schauen Sie mal genau hin.

Ein weiterer Vorteil: Wer den Nachtisch mit Sahne und Kirsche einmal entdeckt hat, der erinnert sich immer wieder daran, wenn er diesem Wort begegnet. Und es klingt dann nur noch halb so gestresst!

 

Die neuen Bücher sind da…

Nun sind auch die drei Kompakt-Ratgeber zu den Themen: Leichter Lernen, Konzentration und Aufmerksamkeit sowie Kreativität erschienen.

Die_drei_neuen

 

Alle drei Bücher sind im tausendschlau Verlag erschienen und auch als E-Books für Kindle und Apple erhältlich. Kostenlos reinschnuppern kann man auf den Seiten des Verlags (Link oben) oder über „Blick ins Buch“ bei Amazon.

 

9,3 Prozent Chinesisch mit 5 Zeichen verstehen – Sprach-Statistik

Wie viel chinesische Schriftzeichen muss man lernen, um eine Zeitung aus Peking lesen zu können? Üblicherweise kursieren Zahlen zwischen 10.000 und 40.000 Zeichen, die ein Zeitungsleser im Kopf haben muss.

Dass es mit viel weniger gehen soll, ist in einem sehr interessanten und lesenswerten Artikel bei ChingChangChinese beschrieben: Fünf chinesische Zeichen repräsentieren bereits 9,3 Prozent der am häufigsten verwendeten Symbole, darunter die Zeichen für “eins”, “nein” und “sein” (vollständige Liste – gleich mit animierten Zeichen zum Selberschreiben).

Und wer wirklich wissen will, wie viel er lernen muss, der sollte einmal auf die Seiten von Patrick Hessel Zein schauen. Dort wird eine Statistik vonJun Da und Chih-Hao Tsai gezeigt:

Demnach hat man den weitesten Weg bereits nach rund 1.000 Zeichen erreicht (leider habe ich zu wenig Erfahrung, um das beurteilen zu können). Die ersten 3.000 Zeichen sind hier aufgelistet (leider nur als kleine Schriftzeichen mit etwas holprigen Beschreibungen auf Englisch). Für Statistik-Liebhaber: Die vollständigen Daten – auch im Excel-Format – erhalten Sie hier.

Glauben wir diesmal der Statistik, dann fällt das Lernen leichter!

Ergänzung: Hier noch eine Liste mit den 9933 häufigsten Zeichen.

 

Richtig zu lernen ist eine Kunst, die keiner kennt! Oder: Lernen ist Notprogramm

„Das Gehirn lernt immer, tut nichts lieber und kann sowieso nichts anderes.“ – Manfred Spitzer (Gehirnforscher).

Nur nehmen wir das nicht bewusst wahr: Wegen der neuen Baustelle einen anderen Weg zur Arbeit fahren. Die Zutaten für das Rezept aus der Kochsendung einkaufen. Im Büro ausprobieren, wie das neue Computerprogramm funktioniert bis es funktioniert. Die zahllosen Selbstverständlichkeiten, die jeden Tag von jedem Kopf abgespeichert werden – wir wissen sie alle nicht zu schätzen.

In der Schule lernt man lernen nicht

Vielleicht schenken wir deswegen dem Lernen, vor allem in der Schule, so wenig Beachtung. Es geht ja – irgendwie! Solange das meiste von selbst im Kopf hängen bleibt, kümmert uns die Fleißarbeit des Gehirns wenig. Genauso gehen wir – in den meisten Fällen – ja erst zum Arzt, wenn der Körper durch Schmerzen einen Defekt meldet.

Das Vergessen wird vergessen. Wir trainieren auch nicht den Reifenwechsel am Auto oder lesen die Sicherheitshinweise im Flugzeug. Ist der Reifen platt, warten wir auf die gelben Engel. Und bei Turbulenzen hoffen wir auf die Fähigkeiten des Piloten. In der Prüfung schielen wir auf kleingedruckte Spickzettel oder beharren im französischen Restaurant auf unserer Muttersprache, bis der Oberkellner aus Verzweiflung das Tagesmenü serviert. Es geht ja!

Hinsetzen und hoffen!

Aber wehe, wenn Vokabeln, Gesetzestexte und mathematische Formeln nicht drin bleiben. Die Reaktion ist immer die gleiche: Bewegungslos an den Schreibtisch geklebt, zwingen wir uns gnadenlos dazu, den Lernstoff über Stunden anzustarren und zu wiederholen, bis sich der Kopf mit Migräne wehrt und die Lust zum Frust geworden ist.

Bevor man lernt, sollte man das Lernen lernen!

Das ist das durchschnittliche Verständnis von Lernen! Die meisten Menschen wissen gar nicht, wie richtig gemerkt, gelernt und gewusst wird. Es wird ins Schreibtisch-Anstarr-Notprogramm gewechselt, in der Hoffnung, dass durch reichlich Quälerei vielleicht doch irgendwas im Kopf hängen bleibt. Auch Eltern raten das ihren Kindern: Hinsetzen und hoffen! Das ist genau das Gegenteil von richtig gutem Lernen.

Alarmzeichen Vergessen

Noch schlimmer, wenn der Kopf nichts mehr drin behalten will – auch nicht die alltäglichen Dinge, die bisher fraglos und fehlerfrei da waren: Schlüssel verloren? Milch vergessen? Gespräch beim Chef? Ach ja, vor einer Stunde. Wann hat meine Frau Geburtstag? Wie hieß sie mit Vornamen? Bin ich überhaupt verheiratet? Wenn der Kopf nicht so funktioniert, wie wir es wollen, dann…? Dann kaufen wir ein Buch über Gedächtnistraining (oder lesen diesen Artikel).

Pauken und Büffeln sind die üblichen Namen, mit denen Lernen getauft ist. Ein Mini-Stimmungsbarometer ist die Bildsuche bei Google im Internet. Sie präsentiert beim Suchwort „Lernen“ eine düstere Ausstellung: rauchende Köpfe, böse Geister, die Schüler albtraumartig verfolgen, Bücherlawinen und Wilhelm Buschs Lehrer Lämpel, der mit hoch gestrecktem Zeigefinger zu öder Disziplin aufruft. Max und Moritz waren anderer Meinung: „Das ist freilich angenehmer und auch viel bequemer, als in Kirche oder Schule festzusitzen auf dem Stuhle.“

Lernen lernen lohnt

Wir lernen viele Dinge, indem wir (nicht) lernen. Nur das Lernen nicht. Was kryptisch und verwirrend klingt, das ist schnell erklärt und gilt bereits seit vielen Jahren als eines der Hauptthemen der Erwachsenenbildung: Emanzipation – wobei hier die Befähigung und Motivation des Menschen zum Lernen gemeint ist. Viele Fortbildungsmaßnahmen (und dazu gehört auch mein Gedächtnistraining) haben das wichtigste Ziel, Menschen zu zeigen, das sie durchaus in der Lage sind, neue Dinge – auch im hohen Alter – zu lernen und damit ihr Leben zu verändern. Und viele Menschen erkennen: Sie haben nie gelernt, Wissen systematisch in ihrem Kopf zu speichern.

Zweites Ziel ist, ihnen echte Werkzeuge zum Lernen mit auf den Weg zu geben, dass sie eben nicht mehr einfach drauf los und einfach so büffeln, pauken und auswendig lernen, bis die Fakten drin sind (aber kein weiß, wie lange sie es bleiben).

Merktechniken unterstützen beides: Sie zeigen auf leicht erlernbare Art und Weise, dass jeder Kopf in der Lage ist, mühelos gigantische Menschen von Informationen aufzunehmen und zuverlässig abzuspeichern. Das macht Spaß, weil es eine konkrete Hilfe ist und weil es auf die Stärken des Kopfes zugeschnitten ist.

 

 

Der echte Rain Man – oder: Wer will schon ein Telefonbuch auswendig lernen

Jeder kennt die Szene mit dem Telefonbuch aus dem Film Rain ManDustin Hoffman in der Rolle des Autisten Raymond Babbitt lernt an einem Abend im Hotelzimmer ein halbes Telefonbuch auswendig. Was uns neidisch werden läßt und wie ein gutes Märchen klingt, trägt aber in diesem Fall mehr als einen Funken Wahrheit in sich. Die Rolle des Autisten Babbitt hat in der wirklichen Welt ein Vorbild.

Der Amerikaner Kim Peek soll angeblich rund 12.000 Bücher wortwörtlich im Kopf abgespeichert haben. Autisten bzw. sogenannte Inselbegabte sind teilweise tatsächlich in der Lage, sich ohne die Hilfe von Merktechniken unvorstellbar viele Informationen einzuprägen.

Schauen Sie sich diese Reihe von Videos über Kim Peek bei YouTube an:

httpv://www.youtube.com/watch?v=k2T45r5G3kA

Leider haben diese außergewöhnlichen Begabungen auch Nachteile, denn die Inselbegabten leiden in den meisten Fällen unter schweren geistigen und körperlichen Behinderungen. Trotzdem können wir viel von ihnen lernen, die sie sehen die Welt tatsächlich mit anderen Augen.

 

Alles merken! Wie hätten Sie es denn gerne?

Mühelos Lernen will jeder. Aber nur wenige Menschen machen sich Gedanken darüber, wie die übernatürliche Form der Wissensaufnahme stattfinden soll. Stellen Sie sich folgende Frage:

Wie wäre es, wenn Sie sich alles merken könnten?

Denken Sie in Ruhe darüber nach. Bitte keine Mikrochips, die am Hinterkopf unter die Haut geschoben werden und keine übersinnlichen Erleuchtungen, die Ihnen in Sekunden alle Sprachen der Welt einhauchen. Häufig ist die Vorstellung vom genialen Kopf von ein paar bekannten Geschichten geprägt:

  • Der Film „Rain Man“ und Dustin Hoffman in der Rolle von Raymond Babbitt, der in wenigen Stunden ein Telefonbuch auswendig gelernt hat.
  • Der Kopf als Videorekorder: Menschen können sich unter Hypnose an viele Details bestimmter Ereignisse erinnern, aber nicht, wenn der Lateinlehrer nach den Vokabeln von gestern fragt oder im Supermarkt gegrübelt wird, ob im Kühlschrank noch Butter liegt.
  • Das beliebte fotografische Gedächtnis: Jeder kennt jemanden, der jemanden kennt, der so etwas kann: Buchseite anschauen und dann später vor dem geistigen Auge ablesen.
  • Schließlich die Genialität von Albert Einstein, Johann Wolfgang von Goethe und Sir Isaac Newton, die wenige Male unter Millionen Geburten zuschlägt, danach aber nicht mehr zu erreichen ist.

Damit stecken wir halshoch in drei wild diskutierten Phänomenen irgendwo zwischen Hirnforschung und Hollywood:

Erstens „Rain Man“: Inselbegabungen (auch Savant-Syndrom) sind außergewöhnliche Leistungen von geistig behinderten Menschen (Autisten). Wenn Sie eine schwere kognitive Einschränkung haben und Ihr Intelligenzquotient weit unter 70 Punkten liegt, dann kann es sein, dass Sie sich das Telefonbuch irgendeiner amerikanischen Kleinstadt an einem Abend bis zum Buchstaben G einprägen und ganz Rom aus dem Kopf zeichnen können (schauen Sie sich dazu Stephen Wiltshire im Internet an, Englisch). Vorbild von „Rain Man“ ist der geistig schwer behinderte Kim Peek, der 12.000 Bücher wortwörtlich im Hirn hat. Peek lernte mit 16 Monaten lesen und hatte im Alter von vier Jahren acht Lexikon-Bände wortwörtlich im Kopf. Mit Hilfe von Merktechniken schaffen Sie innerhalb von ein paar Stunden vielleicht nur den Buchstaben „A“ im Telefonbuch von Norderney, können sich dafür aber selbst die Schnürsenkel zubinden.

Zweitens: Das Hirn funktioniert tatsächlich als Videorekorder. Ray Bradbury schreibt davon in seinem Roman „Fahrenheit 451″: Jedes Buch, das wir in unserem Leben gelesen haben, tragen wir in uns. Allerdings können wir auf viele wichtige und unwichtige Erlebnisse nicht bewusst zugreifen. Es ist leider unmöglich, auf diesem Erinnerungsband beliebig hin und her zu spulen. Kaum auszusprechen ist das hyperthymestische Syndrom, bei dem Menschen sich an alles erinnern, was sie jemals erlebt haben. An jedes hart gekochte Ei zum Frühstück, jeden verpassten Bus und jeden Regentag. Schauen Sie sich Brad Williams an (Englisch). Seien Sie nicht neidisch, dass Sie das nicht auch können. Jill Price hat den gleichen Hirndefekt und schreibt in ihrem Buch „The Woman Who Can’t Forget“ („Die Frau, die nicht vergessen kann“) von den Qualen, die diese Gabe beschert.

Seit sie 14 Jahre alt ist, kann sie sich an alles in ihrem Leben erinnern. Alle schlechten Nachrichten, jeden Schreck und jedes böse Wort trägt sie jeden Augenblick ihres Lebens mit sich herum. Ohne die Hilfe von Psychologen würde sie davon erdrückt werden.

Drittens: Wenn bei der nächsten Party ein Gast von einem Freund erzählt, der jemanden kennt, der ein fotografisches Gedächtnis hat, können Sie gelassen erwidern: Hat er nicht! Denn das Ablichten von Buchseiten mit den Augen gibt es nicht (genauer gesagt gibt es bisher keinen bestätigten Fall, der in einem seriösen Experiment diese Fähigkeit bewiesen hätte). In der neueren amerikanischen Lernpsychologie taucht das fotografische Gedächtnis neuerdings wieder auf. Allerdings in anderer Form: Das Arbeitsgedächtnis ist durchaus in der Lage, Gesehenes als Bild abzuspeichern (machen Sie dazu dieses Experiment auf YouTube).

Echte visuelle Eindrücke bleiben nur Sekundenbruchteile erhalten und müssen dann schleunigst vom Gehirn verarbeitet werden, um nicht vergessen zu sein. Das Gehör kann Wahrgenommenes sogar für mehrere Sekunden behalten. Wenn wir nicht genau hingehört haben, können wir uns einen Moment an das Gesagte zurück erinnern.

Und zuletzt die Hoffnung auf das Genie in uns. Schulversager sind eigentlich hochbegabt. Einstein war zuerst technischer Experte 3. Klasse im Patentamt. Aber er war keine Niete in der Schule, wie allgemein angenommen wird – was angeblich jeder Nobelpreisträger und Self-Made-Milliardär gewesen sein soll (solche Geschichten machen gut in Biographien). Der Intelligenzquotient (IQ) ist in den 90er Jahren austauschbar geworden, um den weniger Schlauen neue Hoffnung zu machen: Emotionale Intelligenz (EQ) als die bessere Art der Weisheit. Heute haben wir die Wahl, auf neun Arten intelligent zu sein (eine Erfindung des Harvard-Professors Howard Gardner). Da ist für jeden etwas dabei! Zur Not bleiben Talentshows im Fernsehen, wo der Rest die Chance hat, schlicht ausgeflippt berühmt zu werden.

Seien Sie nicht enttäuscht, wenn Sie keins dieser Phänomene erwischt haben. Ihr Gehirn merkt, ohne dass Sie es merken: Die Melodie des neuen Hits im Radio können Sie nach 2 Minuten 35 Sekunden fehlerfrei mitsingen. Den Namen Ihres neuen Kollegen Herrn Willi Warzennase? Lernen unnötig! Die PIN für die neue Kreditkarte lautet „6789″ – genauso schnell abgespeichert wie den Witz, den Sie in der Kantine mit halbem Ohr vom Nebentisch gefischt haben.

Haben Sie schon eine Vorstellung davon, wie es wäre, wenn Sie sich einfach alles merken können? Falls Sie sich nicht entscheiden konnten, hier ein Vorschlag:

Einmal lernen. Nie mehr vergessen.

Klingt zu gut, um tatsächlich zu funktionieren? Sie werden erleben, dass Lernen genau so sein kann. Sie können sich mit dieser Vorstellung anfreunden…

 

Wollen Sie sich wirklich alles merken? Werfen Sie mal einen Blick auf den „Memory-Man“…

Brad Williams leidet an einer seltenen Krankheit: Hyperthymesie haben nur drei Menschen auf der Welt – und auf den ersten Blick scheint es keine Krankheit zu sein, unter der Brad, Jill Price und Rick Baron leiden, denn sie können sich an alles erinnern, was sie jemals in ihrem Leben gesehen und gehört haben – und zwar an jede noch so kleine Kleinigkeit!

Es gibt sie also wirklich, die totale Erinnerung: Allerdings ist unser Gehirn nicht gemacht für diese Form des Merkens und Erinnerns. Jill Price ist in psychologischer Behandlung, weil sie jedes schlechte Erlebnis, jeden Verlust eines geliebten Menschen in jedem Moment ihres Lebens, ständig vor Augen hat. Diesen Zustand beschreibt sie in ihrem Buch: Die Frau, die nichts vergessen kann.

Trotzdem ist es faszinierend zu sehen, an welche Dinge sich Brad Williams erinnern kann (deswegen wird er auch als menschliches Google bezeichnet).

Schauen Sie sich das Video „Memory Man“ Brad Williams bei Jimmy Kimmel (Englisch) an:

httpv://www.youtube.com/watch?v=1s6OMYdVUZE

Leider – oder zum Glück – können wir uns nicht aussuchen, ob wir von Genialität oder auch Hyperthymesie befallen sind!

Sehenswert sind auch die Videos von der Website: www.unforgettabledoc.com (noch einmal Brad in Action).